Raúl Krauthausen

Netz-Aktivist

Unabhängigkeit! Freiheit! Selbstbestimmung!

Raúl Krauthausen schreibt Bücher, moderiert seine eigene Talkshow, engagiert sich für Inklusion und gewinnt Preise am laufenden Band. Für #ZDFblickwechsel nimmt uns das Multitalent einen Tag lang mit auf einen Kurztrip von Berlin nach Hannover und snapt dabei aus der Rollstuhl-Perspektive. Er spricht über Freiheit und Behinderung und trifft sogar den Vizekanzler Sigmar Gabriel.

Raúls Tag beginnt noch vor der Dämmerung. Um 4 Uhr morgens macht er sich auf den Weg zum Berliner Hauptbahnhof, um nach Hannover zu reisen und dort den 40. Geburtstag des Annastift Bildungswerks zu moderieren. „Als Rollstuhlfahrer ist für mich das Reisen ein bisschen anders“, erklärt er auf dem Weg zur Bushaltestelle. In Berlin sind immerhin alle öffentlichen Busse mit Rampen für Rollstuhlfahrer ausgestattet.

Kurze Zeit später kommt Raúl schon am Hauptbahnhof an – viel zu früh. „Halb fünf am Bahnhof. Nicht so geil“, stellt er vor dem Bahnhofscafé fest, das noch geschlossen hat. „Eine meiner Macken ist, dass ich immer zu früh am Bahnhof bin. Aus der Panik heraus, dass ich den Bus verpasse oder der Bus zu voll ist. Dafür bleibt genug Zeit, um eine Mobilitätshilfe aufzutreiben, ein Gerät, das Menschen mit Rollstuhl beim Einsteigen in den Zug hilft. Die Mobilitätshilfe wird von zwei Bahn-Mitarbeitern mit roten Mützen bedient – Rotkäppchen, wie sie, laut Raúl, auch genannt werden. Dann fährt er in eine Art Alu-Schleuse, durch die er in den ICE rollen kann.

Treppen, Stufen und unebene Wege sind für Raúl echte Hindernisse. Darum hat er mit seinem Verein Sozialhelden e.V. vor einigen Jahren das Projekt Wheelmap.org ins Leben gerufen. Auf einer interaktiven Karte sammelt er per Crowdsourcing rollstuhlgerechte Orte auf der ganzen Welt. „Es ist egal ob ich Glasknochen habe, Muskelschwund oder querschnittsgelähmt bin – was diese Leute brauchen, sind Rampen, Aufzüge und gute Rollstühle“, sagt Raúl. Er selbst leide nicht an seiner Behinderung, sondern daran, ständig im Alltag behindert zu werden.

In Hannover angekommen, geht es mit einem Fahrservice zur Jubiläumsgala des Annastift, einem Berufsbildungswerk in Hannover, das junge Menschen mit Behinderung auf verschiedene Berufe vorbereitet. Raúl moderiert die Festveranstaltung und trifft dabei auf Vizekanzler Sigmar Gabriel. Die beiden haben ein Hühnchen zu rupfen, denn Raúl macht zur Zeit Wind gegen ein geplantes Gesetz der Bundesregierung. An dem Entwurf zum Bundesteilhabegesetz kritisiert er fehlende Barrierefreiheit und finanzielle Nachteile für Menschen mit Behinderung. Aus Protest hat er sich wenige Tage zuvor mit anderen Aktivisten eine Nacht lang ans Reichstagsufer gekettet. In einem spontanen Snapchat-Interview will Raúl den Vizekanzler konfrontieren. Aber der ist noch nicht mit der Snap-Geschwindigkeit von 10 Sekunden pro Videoclip vertraut und schafft es nur mit einer halben Antwort in Raúls Geschichte.

Raúl moderiert souverän durch die Veranstaltung und eine Podiumsdiskussion zum Thema „Menschen mit Behinderung in Ausbildungsberufen“. Zum Abschluss hält er ein Plädoyer an alle Gäste: „Inklusion ist kein Ziel, sondern ein Prozess. Und zwar der Prozess der Annahme und Bewältigung von menschlicher Vielfalt.“ Der Applaus ist ihm sicher.

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„Puh, geschafft!“, freut sich Raúl erleichtert und tauscht sich backstage mit Petra Wontorra aus, die auf der Bühne mitdiskutiert hat. Sie nutzt ebenfalls einen Rollstuhl und hat sich zwischen all den Männern auf der Bühne unwohl gefühlt: „Ich war Quoten-Frau und Quoten-Behinderte. Es wurde über uns geredet und nicht mit uns.“ Für die Zukunft wünscht sie sich, „dass es künftig keine Parallelwelten gibt.“ Menschen mit und ohne Behinderung sollen zusammenarbeiten, so wie jetzt schon immer mehr Schüler mit und ohne Behinderung die gleichen Schulen besuchen.

Nach einer Besichtigung des Annastift nimmt sich Raúl Zeit für die Fragen der Snapchat-User. Fragen zu seiner Behinderung beantwortet er offen – und mit Witz.

Zum Abschluss besucht Raúl eine Bewohnerin des Annastifts, Britta Engwicht, die im Annastift wohnt und arbeitet. Raúl möchte wissen, wie es ihr in der Einrichtung gefällt. Weil Britta das Sprechen nicht so leicht fällt, antwortet sie mit Hilfe eines Computers: „Mir geht’s gut, ich bin ziemlich selbstständig hier geworden.“ Auf dem Weg zurück nach Berlin zieht Raúl selbst ein kritischeres Fazit. „Auf mich wirkte die Einrichtung immer noch wie ein Krankenhaus oder Heim. Wenn ich das mit meinem Leben vergleiche, möchte ich eigentlich nicht tauschen.“

Nach dem langen Tag sucht sich Raúl erst mal eine barrierefreie Pizzeria, natürlich mit Hilfe seiner eigenen Wheelmap-App. Auch wenn sein Alltag an manchen Stellen aufwendiger ist, als der von anderen Leuten, will er auf keinen Fall Mitleid. „Für mich bedeutet mein Rollstuhl Unabhängigkeit! Freiheit! Selbstbestimmung! Ich gehe nicht weinend ins Bett weil ich nicht laufen kann und stehe auch nicht weinend auf, weil ich im Rollstuhl sitze. Sondern ich habe Spaß am Leben!“ Und das kann man sehen. Zum Abschied lässt Raúl bei einer 360°-Drehung die Rollstuhl-Reifen quietschen und braust davon.

Wenn ihr mehr über Raúl wissen wollt, folgt ihm bei Facebook, Twitter, YouTube und natürlich auch Snapchat.